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Hörst du noch hin oder atmest du schon?

Aktualisiert: 17. Jan. 2021


Heute ist mein freier Tag.

Die Sonne scheint, die Luft ist klar. Darum nutze ich die Gelegenheit und gehe raus, in die frische Luft. Ich brauche Abstand. Abstand von dem Getümmel der Menschen, Abstand vom Verkehrschaos und Abstand von der Realität. Also spaziere in den nahe gelegenen Wald. Ich bin noch keine Minute den fichtennadeligen Weg entlang gelaufen, schon betören mich die typischen Walddüfte. Mit geschlossenen Augen stehe ich da. Ich atme ein, ich atme aus. Der Puls beruhigt sich. Ich atme ein. Die Verspannung in den Schultern scheint auch schon etwas gelockert zu sein. Ich atme aus. Und wieder ganz tief ein. Knack!


Ein brechender Ast lässt mich aufschrecken. Dazu die Stimmen zweier Menschen, die mir entgegenkommen. Solls das schon gewesen sein mit meiner Ruhe?

Als sich unsere Wege kreuzen, nicke ich dem Ehepaar grüßend zu. Für mich als Dorfkind eine kleine, freundliche Geste. Für die beiden aber scheint das wohl das Zeichen gewesen zu sein, dass ich angesprochen werden möchte. Nun gut.


Die erste Frage, nach dem Weg, beantworte ich liebend gerne. Auch bei der zweiten Frage, nach einem guten Restaurant kann ich helfen. Doch dann wird aus diesem Gespräch eher ein Monolog. Besser gesagt ein Meckerwettbewerb. Selbst wenn ich noch etwas zu dieser Ansprache beitragen möchte, habe ich dazu keine Chance mehr.

Die Wörter purzeln aus ihren Mündern, wie eine Buchstabenlawine: „Unser Hotel ist leider etwas schmuddelig. Und eigentlich viel zu teuer. Auch die Leute waren früher viel netter und hilfsbereiter. Dazu noch dieser Verkehr. Und Touristen überall…“

Da die zwei schimpfenden Wesen mir den Weg versperren, versuche ich ruhig zu bleiben und einfach abzuwarten. Irgendwann müssen sie sicher auch los. Ich merke aber, dass ich langsam angespannt und nervös werde. Um nicht am Nörgel- und Klageturnier teilnehmen zu müssen versuche ich mich zu beruhigen.

Also atme ich tief in den Bauch ein. Ich versuche bis im meinen kleinen Zeh zu atmen. Dann atme ich aus und nochmal ein. Ganz tief. Gleich schon bin ich um einiges ruhiger. Die schimpfenden Stimmen werden leiser. Ich konzentriere mich weiter auf die Atmung. Aber warum hilft das tiefe und bewusste Atmen eigentlich dabei ruhiger zu werden?


Beim Einatmen wird sauerstoffreiche Luft bis in die Lunge eingesaugt. Dort wird vereinfacht gesagt der Sauerstoff ins Blut abgegeben und das Kohlendioxyd aus dem Blut aufgenommen. Dieses wird dann ausgeatmet. So weit, so gut.

Durch bewusste und tiefe Atemzüge wird nicht nur mehr Sauerstoff in den Körper abgegeben, es wird dem Gehirn auch signalisiert, dass im Moment keine Notsituation zu bewältigen ist und sich der Körper beruhigen kann. Wer zum Beispiel Angst hat, atmet flacher. Wer gestresst oder wütend ist, atmet schneller.

Bei tiefen Atemzügen sendet das Oberstübchen Befehle an die Muskeln, den Kreislauf und die Nerven. Die Muskeln entspannen sich, das Herz schlägt langsamer und sogar der Blutdruck sinkt. Das alles passiert schon nach wenigen Atemzügen.


Ich versuche kurz nochmal in das Gespräch hineinzulauschen: „…und die Brötchen die es hier gibt… Also wir sind da ja was ganz anderes gewohnt. Als wir gestern am See waren…“

Einatmen und ausatmen. Ich nicke eifrig und versuche mich weiter auf das Luft holen zu fokussieren.


Herzschlag und Puls kann man nicht willentlich kontrollieren. Die Atmung allerdings schon. Wird die Atmung ruhig und gleichmäßig, wirkt sich das auch auf das Herz aus. Viele Meditationen und auch Yoga ist eng mit der Atmung verknüpft. Achtet man auf die Atmung, ist im Kopf gleich weniger Platz für kreisende Gedanken. Habe ich selbst ausprobiert.

Vor allem die tiefe Bauchatmung baut Stress ab. Leider verlernen wir diese mit der Zeit und praktizieren meist nur noch die Lungenatmung. Nicht die Schultern heben sich beim Atmen, sondern die Bauchdecke. Ich stelle mir einen grünen Luftballon im Bauch vor, der gefüllt werden möchte. Der Luftballon wird beim Einatmen bis zum Maximum aufgeblasen. Keine Angst, er platzt nicht. Versprochen! Dann wird ausgeatmet. Hier senkt dich die Bauchdecke. Die Luft aus dem Luftballon muss raus. Und zwar die gesamte, damit auch so viel wie möglich von der neuen, frischen Luft wieder hinein darf. Das ist alles. Einfach oder?

Diese Technik kann man immer und überall praktizieren. Wenn man nachts einfach nicht einschlafen kann, wenn die Person vor einem in der Supermarktkasse den Trödelpreis verdient oder wenn man ein einseitiges Gespräch ans Knie geschraubt bekommt.


Apropos einseitiges Gespräch: die Buchstabenlawine scheint so langsam ins Stocken zu kommen. Vielleicht kann ich nun doch meinen Spaziergang allein und in Ruhe fortsetzen. Doch die beiden holen nur ein wenig Luft (natürlich mit Lungenatmung), um in die zweite Runde zu starten. Oje! Na dann: Einatmen…





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